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Zunächst ein besonderes Highlight: Hier finden Sie das komplette Buch “Patricks Zeichnungen. Erfahrungen mit der therapeutischen Wirkung des freien Ausdrucks” (von Michèle Le Guillou und Paul Le Bohec) zum kostenlosen (!!!) PDF-Download und hier weitere Infos zum Buch: http://www.freinet-kooperative.de/start/index.php?%20idcat=61&idside=27&lang=2
Beim internationalen Freinet-Treffen in Oer-Erckenschwick 1989, das ich mit vorbereitet und moderiert habe, hatte ich das Glück und die Freude, Paul LeBohec, neben Elise und Célestin Freinet sicherlich einer der
wichtigsten Vordenker in der Freinet-Bewegung, kennen zu lernen. Er nahm an unserer Langzeitgruppe zum “Musizieren ohne Vorkenntnisse” teil, ein Angebot, das aufgrund seines Lehrgangscharakters teilweise
als “unfreinetisch” empfunden wurde. Aus diesen Erfahrungen entwickelten sich die folgenden Gespräche und Texte, die aus meiner Sicht zur Grundlagenbestimmung des Musikunterrichtes in der
Freinet-Pädagogik beitragen können, wie vielleicht auch dieses Zitat von Paul:
“Das stellt die Frage nach der Verantwortlichkeit des lehrenden Freinetisten. Er könnte versucht sein, sich dem Wunsch der Kinder hinzugeben. Aber "das menschliche Wesen weiß nicht, was es wünschen soll.
Es sind die anderen, die es ihm zeigen, indem sie es selbst wünschen." (Ren‚ Girard) Also, wenn man die Dinge laufen lassen würde, gäbe es nur die Wünsche, die durch die Umwelt aufoktroyiert werden. Und die
Kinder würden um all das gebracht, was sie an anderem entdecken könnten. Also ich glaube, es ist nötig, dass man auf der einen Seite die Wünsche der Kinder respektiert, ihnen erlaubt, sich auszudrücken, sich zu
entwickeln, sich zu verwirklichen, aber andererseits darf man unter keinen Umständen vernachlässigen, ihnen etwas zu zeigen, was ihnen gefallen kann. Etwas, das sie nicht wissen und das man selbst im Vorhinein für
sie weiß! Welche Überheblichkeit? Nein, welche Weisheit, welche Verantwortung! Aber es handelt sich in keinem Fall darum, gegen sie etwas zu wissen, sondern mit ihnen. Auf jeden Fall hat man die Aufgabe, sie die
Dinge schmecken zu lassen. Danach sind sie frei. Ich liebe die Formulierung: "Ich akzeptiere nicht, dass man etwas verweigert, bevor man es probiert, gekostet hat."
Eindrücke vom internationalen Freinet-Treffen in Oer-Erckenschwick bzw. Interview mit Paul Le Bohec von Gerd Haehnel
(aus Fragen und Versuche, Heft 50/1989, S. 68-70)
Das Internationale Treffen, ein Seminar zwischen den zweijährlich stattfindenden RIDEFs, fand vom 24.7. bis 30.7.89 im Sozialistischen Bildungszentrum in Oer - Erckenschwick statt. Es war voll ausgebucht, circa 120
Teilnehmer, davon 11 aus Italien, 2 aus Portugal, 1 aus Brasilien, 2 aus der Schweiz, 7 aus Österreich, 19 aus Frankreich, 1 aus Algerien, 1 aus Spanien, 2 aus Ungarn, 9 aus Finnland, 2 aus Dänemark, 1 aus Schweden,
1 aus Holland, 1 aus Polen, 1 aus Belgien und die restlichen aus der BRD.
Es war das erste Internationale Treffen, das in Deutschland von einer deutschen Gruppe vorbereitet worden war, und wir hatten uns als Thema gesetzt:
Wie lernen LehrerInnen die Freinet-Pädagogik?
Uns war aufgefallen, dass wir hier in Deutschland auf unseren Treffen meist anders lernen als international oft üblich, weniger durch Vorträge, Diskussionen, Diareihen, Videofilme - mehr durch eigene Erfahrungen. Wir
haben uns von daher entschlossen, das internationale Treffen so durchzuführen, wie wir das auch bei den deutschen Treffen machen, nämlich einen organisatorischen Rahmen anzubieten, in dem möglichst viel möglich ist.
Ich glaube, die abschließenden Reflexionen, Plena und Gespräche haben gezeigt, dass von den allermeisten TeilnehmerInnen die vielfältigen Möglichkeiten einer solch offenen Struktur sehr positiv erlebt worden sind.
Es gab jedoch, wenn auch vereinzelten, so aber doch sehr vehementen Widerspruch, der so weit ging, dass Langzeitgruppen auf dem Treffen als nicht Freinet-gemäß abqualifiziert wurden, so zum Beispiel unser Versuch,
auf Keyboards mit Anfängern Barockmusik nachzuspielen. Dieser Widerspruch richtete sich gleichzeitig gegen die offene Struktur des Treffens, denn bei einem stark vorstrukturierten Treffen, bei dem von der
Vorbereitungsgruppe beispielsweise die Angebote vorgeplant würden, könnte man alles Unerwünschte, Unfreinetische fernhalten.
Diese Kritik führte natürlich zu intensiven Diskussionen über die Frage, was Freinet-Pädagogik überhaupt sei, und es war für mich faszinierend, darüber mit Leuten zu sprechen, die schon sehr lange in der Bewegung
sind und die beispielsweise die Freinets noch persönlich gekannt haben. Diese Gespräche brachten mich in Kontakt mit den Wurzeln der Freinetbewegung und waren für mich eigentlich die wichtigste Erfahrung auf dem
Treffen.
Vielleicht wird dies bei dem nun folgenden Ausschnitt aus einem Interview mit Paul LeBohec deutlich. Paul hatte mir gesagt: Von den Möglichkeiten der Freinet - Pädagogik sind erst 5% entdeckt worden...
GERD: Paul, jemand hat heute zu mir gesagt, dass wir in unserer Gruppe “Barock Musik selber spielen keine Freinet Pädagogik angewandt haben. Ich verstehe nicht, wie er das beurteilen kann, da er nicht an
unserer Gruppe teilgenommen hat. Aber das ist zweitrangig. Du hast an der Gruppe teilgenommen. Wie denkst Du über ein solches Urteil?
PAUL: Ich glaube, dass ihr nach Freinet arbeitet, und zwar aus zwei Gründen. Erstens habe ich in eurem Videofilm gesehen, dass ihr euch bemüht habt, alle Kinder mitspielen zu lassen. Die Musik ist nicht nur für
einige privilegierte Kinder, deren Eltern den Unterricht bezahlen können, sondern für alle. Und das ist für mich eine Art Demokratisierung der Kunst. ... Ich sage oft: Wenn man die Kinder frei lässt, lässt man sie
eigentlich nicht frei, sondern man konditioniert sie. Man muß gegenkonditonieren, d.h., ihnen andere Möglichkeiten anbieten, so wie ihr es im Orchester macht. Der Lehrer hat hart dafür gearbeitet, sein Diplom zu
kriegen, und er belohnt sich, indem er sich über die Macht freut, die ihm sein Wissen bietet. Man muss das ändern, indes man von der Macht abgibt. Seine Freude wird eine politische Freude...Du hast die Kinder
gesehen, als sie im Saal 2 übten, ganz allein unter sich, wie sie sich gegenseitig zuhörten. Sie hatten die Macht, es war nämlich kein Lehrer dabei.
GERD: Sie haben selbständig gespielt, sie haben die Strukturen unserer Gruppe übernommen: Sie haben mit Kopfhörern geübt, und dann haben sie gespielt, während die anderen zugehört haben. Dann wurde darüber
gesprochen, und das drei Stunden lang.
PAUL: Das ist die natürliche Methode: Wenn sie in der Lage sind, das zu tun, dann entspricht es ihrer Natur. Wenn es gegen ihre Natur wäre, hätten sie es nicht gemacht. ... Sie spielten, und wenn der erste aufhörte,
spielte der zweite weiter, indem er die Musik des Vorgängers aufnahm. Das war Kommunikation, das ist Freinet: Die Freiheit, selber schöpferisch zu sein und gleichzeitig der Lehrer des anderen. Ich arbeite immer
sehr stark an der Angst. Durch welche Techniken, durch welche Taktik kann man die Angst unterdrücken? Es ist wichtig, gegen die Angst anzukämpfen. Ich habe die natürliche Methode in Französisch, in der mündlichen
Sprache, in der Körpersprache, in der mathematischen Sprache, in der zeichnerischen und in der gesungenen Sprache praktiziert. Aber ich hatte noch keine Erfahrung mit der Sprache der Musikinstrumente. Und ich habe
gespürt, dass man für die Musik eine natürliche Methode entwickeln kann. ... Ich habe eine Theorie entwickelt mit Elise und Célestin Freinet, und darum habe ich sofort die wunderbaren Möglichkeiten erkannt, die uns
die Keyboards in Verbindung mit der natürlichen Methode bieten.
GERD: Also hast Du die beiden Freinets gekannt?
PAUL: Ich habe 1942 angefangen, d.h., dass ich seit 47 Jahren Freinetpädagogik mache. Ich habe 16 Jahre mit Freinet gearbeitet. Es gibt noch einen anderen Punkt für mich, der zeigt, dass wir in der Gruppe nach
Freinet gearbeitet haben. ... Ich lehne es ab, dass man etwas so sehr ablehnt, was man nicht ausprobiert hat, aber ihr, ihr lasst uns probieren.. .Erst wenn man eine Sache ausprobiert hat, ist man frei, zu
entscheiden, ob man weitermacht oder nicht, aber ... wenn man etwas nicht ausprobiert hat, ist man nicht frei zu wählen, weil man keine Ahnung von den Dingen hat.
Also, wenn ihr eure Musikerfahrung in der deutschen Bewegung weiterentwickeln wollt, oder in der europäischen oder in der internationalen, teilt eure Erfahrungen mit. Man sollte das nicht alleine machen, das ist auch
ein Prinzip der Freinetpädagogik. Aber die Ausschließungen, die hier gemacht worden sind, zu sagen „das ist Freinet, das ist nicht Freinet“, das ist nicht zulässig. Das Leben ist sehr komplex und kompliziert,
die Dinge ändern sich, die Dinge existieren nicht, sie entwickeln sich. ... Darum kann man nicht sagen „das ist Freinet, das ist nicht Freinet“. Man muss sagen: ‘Die Dinge entwickeln sich.
Wir sind erst am Anfang der Freinetpädagogik. Die Besonderheiten der verschiedenen Länder sind interessant, weil sie die Bandbreite der Möglichkeiten vergrößern. Ich habe mich geändert, seitdem ich in Deutschland
bin, ich sehe die Dinge nicht mehr in der gleichen Weise. Die Freinetbewegung ist nur die Lokomotive. Die Veränderung ist ein Prinzip von Freinet. Freinet hat es immer von uns verlangt, uns zu ändern, er hat uns
damit viel abverlangt.
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Brief von Paul Le Bohec an Gerd Haehnel nach dem Internationalen Treffen in Oer-Erckenschwick
(aus Fragen und Versuche, Heft 51/1989, S. 25-29)
Liebe Freunde, 6.8.89
hier ist der Text, den ich Gerd versprochen habe. Ich hoffe, dass Ihr daraus all das Schöne spürt, dass Ihr mir vermittelt habt. Es ist sogar ein doppeltes Glück, weil ich mich persönlich an dieser erlebten Erfahrung
erfreuen konnte und gleichermaßen, weil ich eine Möglichkeit für die natürliche Methode in der Musik sehe. Ich hoffe, dass die Musik sich mit diesen neuen Apparaten vielfältig weiterentwickeln wird. Wir haben in
unserer Gruppe die Bestätigung finden können, dass es eine internationale Sprache war.
Ich höre Musik nicht mehr in der gleichen Art, es ist ein Nebelschleier, der sich lichtet. Ich werde einen Apparat für meinen Enkel (5 1/2 Jahre) kaufen, und vielleicht auch für mich.
Toutes mes amities et tous mes remerciements. Paul
Ist die Freinetpädagogik auch auf Erwachsene anwendbar?
(Natürliche Methode und Projekte von Lehrern)
So war die Definition des Seminars in Oer - Erckenschwick (BRD). Weil ich kein durchgehendes Atelier mit dem Thema "Natürliche Methode" anbieten konnte, habe ich mich für die Instrumentalmusik "Der
Kanon von Pachelbel" eingeschrieben.
Zunächst gab mir das die Gelegenheit, die Anbieter dieser Werkstatt in die Situation hineinzuversetzen, in der ich mich selbst befunden habe. Sie hatten ein Ziel, eine Absicht, einen genauen Plan: ihre
Orchestererfahrungen mit Kindern zu vermitteln. Aber es war für sie nie die Frage, uns eine Zusammenfassung lesen zu lassen oder uns ein Videoband zu präsentieren. Nein, als gute Freinetisten, die sie waren, wollten
sie uns wirklich die Sache erleben lassen. Außerdem wollen sie ausnahmslos allen Kindern eine Orchestererfahrung bieten, ganz in Übereinstimmung mit dem Geist der Freinetpädagogik. Schließlich denke ich, dass wenn
die Vorschule sich der Anhäufung von Erfahrungen in möglichst vielen Disziplinen widmet, auch die Grundschule in diesem Sinne sich damit beschäftigen soll, in möglichst viele neue Disziplinen einzuführen. Warum
nicht beim Orchester? Und warum nicht ... beim Chor?
Aber als ich die Keyboards entdeckte, hatte ich nur noch einen Gedanken. Ich hatte endlich die Möglichkeit, die Natürliche Methode beim Klavier realisiert zu sehen, von der ich seit 30 Jahren träume, und die, das ist
klar, nicht realisiert werden konnte, weil es unmöglich war, jedem Kind ein Klavier zu geben. Aber das ließ sich mit diesen Instrumenten machen. Und außerdem, dank der Kopfhörer, konnte jeder für sich spielen, ohne
die anderen zu stören. Wie sollte ich vor dieser großartigen Perspektive, die sich anbot, bewegungslos bleiben? Bereits in der ersten Pause habe ich mich so darauf gestürzt, meine Natürliche Methode vorzuschlagen,
nicht die des Pianos, aber der Keyboards. Und sogar, warum nicht ? der Musik.
Ich war so gefangen von meiner Idee, dass ich erst einen Moment später mir die Frage gestellt habe, ob es eine mögliche Störung des Projekts ... wäre. Dieses Projekt war sehr stark, aber mein Projekt war ebenfalls
sehr stark. Die Generalisierung der Natürlichen Methode - würde sie sich nicht quer zu ihrem Projekt legen?
Normalerweise hätte ich mich für meine Unhöflichkeit schuldig fühlen müssen, mein Verhalten als Löwendompteur. Aber mir mangelt es an Training in diesem Bereich, und Gerd war so freundlich. Er versicherte mir, dass
auch er auf der Suche war, und dass es ihn wirklich interessierte, neue Standpunkte kennenzulernen. Also, ohne weiter die Wahrheit dieser Behauptung abzuschätzen, habe ich mich in die Bresche gestürzt. Jeder hat für
sich mit dem Kopfhörer sein Freies Musikstück gesucht. Dann hat er es laut für die anderen zwölf anwesenden Personen (6 Erwachsene, 6 Kinder von 10 bis 12 Jahren) vorgespielt. Ich habe dann vorgeschlagen, eins davon
zu wählen. Es war das von Till, was genommen wurde, vor allem, weil er einen Weg gefunden hatte, eine Bossa Nova Begleitung einzufügen. Und wir haben begonnen, es auf unsere Art und Weise zu spielen und es in uns
aufzunehmen.
Wir wurden in unserem Versuch unterbrochen, weil die halbe Stunde, die man uns netterweise zugebilligt hatte, in Wirklichkeit zu einer Stunde geworden war. Einige von uns reagierten innerlich, aber nur deshalb, weil
wir nicht das Projekt ... begriffen haben. Mir persönlich ist es leicht gefallen, das zu akzeptieren, weil wenn ich selten das Stück loslasse, passiert es mir dennoch manchmal, dass ich die Kinnladen lockern kann.
Und dann fühlte ich, dass es da zumindest eine doppelte Möglichkeit zu erleben galt. Diejenige, die Musik mit besonders kompetenten Leuten zu genießen, denen ich mit geschlossenen Augen folgen konnte. Und die, mich
in einer total abhängigen Situation zu befinden, weil ich darin ebenfalls keine Übung habe. Also haben die Moderatoren die Schrauben angezogen, und wir haben den Kanon von Pachelbel bearbeitet. Dennoch, im Laufe der
folgenden Sitzungen, wurde uns eine halbe Stunde der freien Beschäftigung mit unserem Instrument zugebilligt. Und sehr schnell haben es die Kinder nicht mehr reklamiert, weil sie die Keyboards während des ganzen
Vormittags zur Freien Verfügung hatten. In diesem Augenblick praktizierten sie wirklich die méthode naturelle. Sie bearbeiteten in Ruhe ihr Freies Stück und ließen es dann die anderen hören. Und sie entwickelten
sich, indem sie sich auf die verwirklichten Kreationen stützten. Und Gerd war gepackt von der Intensität des Zuhörens von jedem einzelnen. Es dauerte drei Stunden. Wenn das nicht ihrer Natur, ihrem Wesen entsprochen
hätte, hätten sie sich nie mit dieser Leidenschaft ihr hingegeben. Und weil sie ihre Freiheit des Experiments und der Komposition hatten, konnten sie andersherum leicht akzeptieren, sich einem Rahmen anzupassen, der
fordernd war. Das hätten sie nicht gemacht, sagte Gerd, wenn sie nicht die andere Möglichkeit gehabt hätten.
Also haben die Moderatoren ihr ursprüngliches Projekt durchgehalten, und sie hatten Recht. Wir wurden gezwungen, uns anzupassen. Für mich war das sehr leicht, denn ich war häufig in derselben Situation. Und selbst im
Verlauf dieses Kurses. Nach dem ersten Videofilm über "Les dessins de Patrick" wollten die Leute ein wenig Zeit, um ihre eigenen Erfahrungen darzulegen. Aber ohne irgendeinen Skrupel bezüglich des
Demokratieverständnisses habe ich lediglich eine Viertelstunde zugebilligt. Denn es wäre wirklich schade gewesen, den zweiten Schnitt zu verpassen. Das wäre der Fall gewesen, wenn wir uns zu lange mit dem anderen
beschäftigt hätten. Wie beim Kanon von Pachelbel musste man zunächst diese Plattform erreichen, von der man niemals wieder herunterzusteigen braucht. Nachdem sie eine Sitzung mit gesprochener Kreation oder die
Komposition eines Gesangs für zwei oder mehr Stimmen erhalten hatten, haben sie ihre Fragen vergessen, weil sie einen Zugang zu einer anderen Welt haben. Das ist das, was für mich mit der Musik passiert ist. Ich
habe wirklich erfahren, was ein Orchester ist: die Organisation der Teile, das Gleichgewicht der Klänge, die Berücksichtigung des Tempos, der Platz eines jeden, die Verantwortung gegenüber dem Ganzen, die
Notwendigkeit zu üben, sich zu vervollständigen, um nicht der Gruppe zu schaden, aber auch die Freude zu einer Familie zu gehören, dort einen Platz zu haben, aufzugehen in dem Wunsch mit der grösstmöglichen
Aufmerksamkeit der Absicht des Chorleiters zu folgen, in seiner Konzeption, die er sich von dem Denken des Komponisten gemacht hat, der mehr als unser Freund geworden war, unser Bruder. Aber auch das Vergnügen, im
Inneren den Geist einer Epoche wiederzuerleben, sich eingeführt zu fühlen in diese Zeit. Und als Elsa und Till das Thema mit der Trompete anspielten: Wie haben wir ihnen gedankt, dass sie uns auf den richtigen Weg
geführt hatten, dem wir nur noch zu folgen brauchten. Und die Verantwortlichen des Kontrabasses, des Synthesizers, der Gitarre, des Xylophons und anderer Instrumente, sie waren mit uns, machten genau das, was sie zu
tun hatten. Und welches Glück zu diesem schönen Ensemble seinen kleinen Teil mit Vibraphon beizutragen. Und welche Freude, zu diesem Orchester von 15 Personen zu gehören, das ganz augenscheinlich dem Publikum eine
wirkliche Freude bereitet hatte.
Keine Scheu mehr: Die Moderatoren haben es gut gemacht, uns bis dorthin zu führen. Sie wollten es für uns. Sie wussten es im Voraus für uns, und sie haben uns dorthin geführt, trotz unserer Scheu, die sie vielleicht
sogar fühlten. Das ist übrigens nicht sicher, denn, besessen von ihrem Projekt, bereits im Vorhinein sicher, dass wir ihnen letztendlich zustimmen würden, hatten sie vielleicht weder Auge noch Ohr, diese Hemmungen
zu bemerken.
Das stellt die Frage nach der Verantwortlichkeit des lehrenden Freinetisten. Er könnte versucht sein, sich dem Wunsch der Kinder hinzugeben. Aber "das menschliche Wesen weiß nicht, was es wünschen soll. Es sind
die anderen, die es ihm zeigen, indem sie es selbst wünschen." (Ren‚ Girard) Also, wenn man die Dinge laufen lassen würde, gäbe es nur die Wünsche, die durch die Umwelt aufoktroyiert werden. Und die Kinder
würden um all das gebracht, was sie an anderem entdecken könnten. Also ich glaube, es ist nötig, dass man auf der einen Seite die Wünsche der Kinder respektiert, ihnen erlaubt, sich auszudrücken, sich zu entwickeln,
sich zu verwirklichen, aber andererseits darf man unter keinen Umständen vernachlässigen, ihnen etwas zu zeigen, was ihnen gefallen kann. Etwas, das sie nicht wissen und das man selbst im Vorhinein für sie weiß!
Welche Überheblichkeit? Nein, welche Weisheit, welche Verantwortung! Aber es handelt sich in keinem Fall darum, gegen sie etwas zu wissen, sondern mit ihnen. Auf jeden Fall hat man die Aufgabe, sie die Dinge
schmecken zu lassen. Danach sind sie frei. Ich liebe die Formulierung: "Ich akzeptiere nicht, dass man etwas verweigert, bevor man es probiert, gekostet hat."
"Wenn man die Kinder frei lässt, lässt man sie nicht frei, man lässt sie konditioniert. Sie sind nur frei, wenn sie die Freiheit der Wahl haben. Und deshalb ist es notwendig, dass sie die Gelegenheit haben,
wirklich die Dinge zu schmecken, sie zu probieren.
Für mich sind die wahren Freinetisten diejenigen, die nicht die Kinder aufgeben, diejenigen, die ihre Verantwortung ernst nehmen, die ein starkes Projekt haben. Aber auch, und das ist ein ganz zentraler Punkt,
diejenigen, die bereit sind, ihr eigenes Projekt, wenn es notwendig ist, in Frage zu stellen, diejenigen, die die Kritik akzeptieren, diejenigen, die fast in jedem Augenblick in der Lage sind, sich einzuordnen, weil
die Welt sich schnell entwickelt. Und das, was wertvoll und sogar unverzichtbar erscheinen kann, kann in einem anderen Augenblick brüchig und sogar unheilvoll sein, wenn man nicht aufpasst. Deshalb finden wir uns so
häufig in diesen Seminaren wieder, die uns manchmal sehr mitnehmen, aber uns zur gleichen Zeit neue Perspektiven anbieten.
Ich wollte ebenfalls den Moderatoren neue Perspektiven anbieten, auf der Basis meines Entspannungsprojektes der Natürlichen Methode, die ich in meiner Lehrtätigkeit während vierzig Jahren angewendet habe. Sie erlaubt
mir auch, vieles im Vorhinein zu wissen. Und ich glaube, dass das für die Moderatoren eine solide festgemachte Idee ist. Sie hatten vier Stunden Musik in der Woche. Jetzt werden sie sechs haben. Also, man kann ihnen
vertrauen, sie haben die Kompetenz, sie haben die Intelligenz, sie haben das Material. Und sie haben ein wenig gesehen, was die Idee eines Freien Musikalischen Textes mit den Kindern bringen kann.
Aber ich habe auch Ideen auf der Ebene des Gesangs. Und ich habe es gewagt, darüber mit einer Chorleiterin zu sprechen. Indes, wenn es einen Bereich gibt, wo ich mich nicht autorisiert fühle, die Stimme zu erheben,
dann ist es der des Chors. Vor allem gegenüber der Chorleiterin. Sie hat den großartigen Plan, viele Leute die Freuden des Chorgesangs spüren zu lassen. Und es gelingt ihr ausgezeichnet. Außerdem hat sie eine solche
Kompetenz, dass man ihr auch mit geschlossenen Augen folgen kann - und mit geöffnetem Mund. Ich verehre Chöre, aber leider ausschließlich als Musikliebhaber von außen. Dennoch bin ich einige Male in die Gruppe
gegangen. Aber ausschließlich um im Herzen der Dinge zu sein. So, als wenn ich Torwart in einer sehr starken Mannschaft wäre, ging ich fast bis zur Mitte des Spielfeldes, um die Kameraden spielen zu sehen. Ich habe
nur an ganz wenigen Passagen teilgenommen, weil mir nur wenige zugänglich waren wegen meiner zu wenig ausgereiften Stimmlage. Manche haben das Glück, vom Keller bis zur siebten Etage und wieder zurück klettern zu
können. Aber ich kann nur vier Stufen einer Treppe steigen. Ich weiß noch nicht mal, wo sich diese Treppe genau befindet. Also, was habe ich in einer Chorgruppe zu suchen? Ich bin weder Sopran noch Alt noch Tenor
noch Bariton noch Bass. Also habe ich auch nicht das Recht auf Gesang. Auch wenn ich nur drei Noten singe ("Ich sage Dir, dass ich Dich liebe"), genieße ich es. Ich singe nur beim Schnaufen eines Zuges,
der über Weichen fährt oder beim Vorbeiflug eines Flugzeugs. Ich fühle mich ausgeschlossen aus einem Bereich der Freude, und ich finde, das ist nicht richtig. Ein Freinetpädagoge müsste etwas für mich tun können.
Hinzu kommt, dass ich nicht zu bedauern bin. Ich habe viele andere Bereiche der Freude, des Vergnügens. Ich habe nicht den Charakterfehler, alles haben zu wollen, aber ich akzeptiere es nur sehr schwer,
ausgeschlossen zu sein. Dennoch sind so viele Leute ausgeschlossen von der Schriftstellerei, vom Reden, von der Bewegung, von den darstellenden Künsten, von der Musik, von der Mathematik und vom Chorgesang. Wie
sollte man es machen? Man müsste Freie Gesungene Texte machen. Jeder sollte singen, wie er es kann, frei. Eines Tages würde man einen Text wählen, an einem anderen Tag einen anderen. Jeder käme an die Reihe. Man
würde sich nicht damit begnügen, den psychologischen Gesang zu empfangen, den Experimentalgesang, den kommunikativen Gesang... Nein, man würde sich auch darum kümmern, dem Ganzen eine Chordimension zu geben. Die
Formeln müssten zum großen Teil gefunden werden: Zunächst könnte das ein einstimmiger Gesang sein, der der schwachen Stimme des Autors eine größere Resonanz gäbe. Dann könnte man eine zweite Stimme entwickeln,
sofern man nicht vorschlägt, drei Varianten, sei es des Textes, sei es der Arie zu finden. Man würde sie zusammen singen. Zunächst wären das Missklänge, dann nach drei Versuchen würde es sich harmonisieren. Dann
müsste man den Oktavgesang markieren - oder der Bass geht weiter - sie zum Vorschein kommen lassen, die Stimmen ausgleichen usw. (???) Es ist auch wünschenswert, im Bereich der Harmonie versuchen zu tasten
bevor man sich blind der Harmonisierung eines anderen unterwirft, und sogar, um sich besser dieser Harmonisierung zu bemächtigen. Das könnte jedes Mal sehr wenig Zeit in Anspruch nehmen. Aber wer weiß das schon?
Ganz allmählich würde - dank der Erweiterung der Stimme durch die Gruppe, dank des Akzeptiert - Werdens, der Anerkennung - würde der enge Sänger sich entkrampfen, Vertrauen in sich entwickeln. Er würde freier atmen.
Und er würde seiner Treppe eine zusätzliche Stufe hinzufügen. Und selbst wenn er bei seinen vier Noten stehen bleiben würde, was ich übrigens nicht glaube, wäre es bereits sehr gut für ihn, es gewagt zu haben
zu singen, gehört worden zu sein von anderen, ohne verurteilt zu werden, ein wenig seine Fähigkeiten erweitert zu haben. Wer weiß, welche Wirkungen sich ergeben, welche Entkrampfungen, welcher Zugang zur
Kultivierung der Stimme!
Aber werden die Deutschen, die den schönen Gesang so lieben, werden sie eine Erweiterung ihres Projektes wünschen?
4.August 89. Nacht vom 4.August=Abschaffung der Privilegien. PAUL LE BOHEC
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