Schulversuch Musik

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Inhalte dieser Seite: ein Artikel zum Schulversuch Musik aus der NDS

Der folgende Aufsatz aus der Zeitschrift “neue deutsche schule” (44. Jg., Heft 10 v. 2.6.1992, S. 16-18) berichtet von der praktischen Arbeit der ersten Jahre im Schulversuch “Musik als Hauptfach” an der damaligen Gesamtschule Essen Mitte, der vom damaligen Schulleiter, Herrn LRSD Jörg Hoffmann initiiert wurde - ein herzliches Dankeschön an ihn für diese großartige Perspektive -, und den ich konzipiert und zehn Jahre geleitet habe. Wer sich für die aktuellen Entwicklungen des Schulversuches an dieser Schule interessiert, die sich inzwischen den Namen “Frida Levy Gesamtschule” gegeben hat, möge sich an den Vorsitzenden der Fachkonferenz Musik unter folgende Adresse wenden: Frida Levy Gesamtschule, z.Hd. Armin Krusche, Varnhorststr. 2, D 45127 Essen.

 

Musikalische Chancen für alle
Schulversuch Musik an der Gesamtschule Essen-Mitte

Von Gerd Haehnel

Mit SchülerInnen zu musizieren, deren Eltern sie bisher nur wenig unterstützen konnten, ihnen die faszinierenden Möglichkeiten der Musik zur Persönlichkeitsentwicklung zu eröffnen sowie eine aktive und selbstbestimmte Teilhabe am Kulturleben zu ermöglichen - all dies sind wichtige Chancen des Schulversuches Musik, die wir an der Gesamtschule Essen Mitte mit der Integration des Faches Musik in den Wahlpflichtbereich 1 als Wahlmöglichkeit mittlerweile im vierten Jahr anbieten.

Musische Fächer im Wahlpflichtbereich

Als 1986 der Aufbau der Gesamtschule Essen Mitte begann, war das Kollegium einhellig der Meinung, einen musischen Schwerpunkt bilden zu wollen, um die Standortnachteile unserer Schule („Verkehrsinsel in der Innenstadt“) ins Positive zu wenden. Mit dem Wahlpflichtbereich 1 bietet die Gesamtschule nach unseren Erfahrungen für den musischen Unterricht eine ideale, bisher noch viel zu wenig genutzte Möglichkeit. Wer an unserer Schule beispielsweise das Fach Musik im Wahlpflichtberich 1 wählt, hat in den Klassen 7-10 drei bis vier Wochenstunden Musik zusätzlich zum normalen Klassenmusikunterricht bzw. zu den Arbeitsgemeinschaften, und zwar unter unterrichtsorganisatorischen Bedingungen, die für eine im weitesten Sinne reformpädagogische Orientierung sehr förderlich sind: Zu nennen sind insbesondere die große zeitliche und organisatorische Kontinuität sowie die freiwillige (!) Wahl - und damit verbunden das überdurchschnittliche SchülerInneninteresse. [...] Aufgrund der besonderen Unterrichtssituation im Wahlpflichtbereich 1 ist uns ein im Vergleich zum normalen Klassenmusikunterricht oder zum normalen AG-Bereich qualitativ anderer Musikunterricht möglich.

Pädagogische Prinzipien

Mit musikalischen Phänomenen beschäftigen wir uns in fächerübergreifenden, durchgehend projektorientierten Unterrichtsformen, wozu ebenfalls das gemeinsame Musizieren durchaus auch anspruchsvollerer Stücke gehört: Der „Bolero“ von Ravel wird nicht nur im Schulkonzert aufgeführt, sondern ist auch Anlaß für eine Beschäftigung mit dem Konzertbetrieb; bei der Aufführung eines Stückes aus der „Zauberflöte“ entsteht die Idee zu einer Ausstellung in der Musikbücherei über Kunst, Kitsch und Kommerz im Mozartjahr; nach dem Interview mit Klaus Lage bei einem seiner Konzerte sind die SchülerInnen so begeistert, daß erst einmal „Zoom“ („1000 mal berührt“) geprobt wird. Von Seiten der SchülerInnen sind hierfür keinerlei Voraussetzungen nötig - dies erreichen wir durch die Verbindung von traditionellet Instrumenten (Orff-, Rhythmus-, Orchesterinstrumente) und neueren elektronischen Instrumenten (Keyboards evtl. in Verbindung mit Musikcomputern - Musik und Technik.) An der Unterrichtsgestaltung beteiligen wir die SchülerInnen in großem Maße, und wir nehmen uns viel Zeit und Ruhe, um ein emotional und sozial tragfähiges Klima zu entwickeln. (Musik als Lebenshilf) Sehr wichtig ist uns schließlich die Zu.sammenarbeit mit den unterschiedlichsten Kulturinstitutionen.

Zum Beispiel: Das Projekt „West-Side-Story“

Im ersten Jahr (Klasse 7) wurde ein Projekt zur „West-Side-Story“ durchgeführt: Zunächst schauten wir uns in einem Kino die Filmfassung an. Dann wählten die SchülerInnen gruppenweise Themen zu diesem Musical. So entstanden „Steckbriefe“ der Hauptpersonen, Bühnenmodelle, Inhaltsangaben, ein Vergleich mit der Gewaltproblematik in deutschen Jugendgruppen usw. Mit Literatur half uns die Stadtbücherei. Die Gruppenergebnisse wurden im Kurs gemeinsam besprochen. Dann wählten die SchülerInnen aus dem Musical das Stück aus, das sie selber spielen wollten: „America”. Da sich nur drei Instrumentalisten im Kurs befanden, wurde eine spezielle Partitur, auch für Orff-Instrumente und Keyboards, erstellt. Parallel dazu besichtigten wir das Musiktheater und führten dort Interviews durch, die teilweise in der Schulzeitung erschienen. Es folgte der Besuch einer Aufführung des Musicals. Dann stand eine Klassenarbeit an, in der die SchülerInnen ihre „America“-Stimmen vorspielten. Abschließender Höhepunkt war schließlich die Aufführung des Stückes im Rahmen des Schulkonzertes, bei dem wir an unserer Schule in jedem Jahr unter Beteiligung möglichst vieler SchülerInnen zeigen, was im Unterricht erarbeitet worden ist. Heute, zweieinhalb Jahre später, sind wir dabei, unsere erste eigene Kassette aufzunehmen, und natürlich wird auch „America“ nicht fehlen.

Offene Richtlinien

Die Konzeption, die wir gemeinsam erarbeitet haben, enthält einerseits feste Vorgaben, läßt andererseits aber auch viel Raum zur individuellen Unterrichtsgestaltung - eine Vorgehensweise, die der häufig unterschiedlichen Ausbildung von uns Musiklehrerlnnen gerecht wird. Für uns sind das also „Richtlinien“ im wahrsten Sinn des Wortes, denn wir können uns im Unterricht nach den eigenen Fähigkeiten und Wünschen sowie nach den SchülerInnen bzw. nach dem aktuellen Kulturangebot richten, so daß jeder Kurs die enorm wichtige Möglichkeit einer starken Identifikation mit der eigenen Arbeit hat. Zwei Beispiele: Ob man das Thema „Rhythmus“ (vorgesehen für die Klasse 7) am Bolero oder an einem Jazz-, Latin- oder Rockstück erarbeitet, spielt keine Rolle. Und daß man sich überhaupt am Schulkonzert beteiligt, ist wichtiger als die Tatsache, ob man dies mit einer Ausstellung oder mit Auftritten bewerkstelligt.

„Normaler” Musikunterricht

Zur Zeit arbeiten wir an einer Konzeption, die uns helfen soll, die Begeisterung der SchülerInnen in der Orientierungsstufe noch besser aufzufangen, als dies im normalen Fachunterncht möglich ist: Jahrgangsgebundene Arbeitsgemeinschaften sowie entsprechende Freizeitangebote (u. a. auch Instrumentalunterricht in Zusammenarbeit mit der Musikschule) in Klasse 5 und 6, die sich nach Möglichkeit personell und inhaltlich am zweistündigen Musikunterricht in den Klassen orientieren, bieten ein vertiefendes (praxisorientiertes) Musikangebot für alle SchülerInnen eines Jahrganges auf freiwilliger Ebene. [...] Für die Oberstufe im nächsten Jahr ist schon jetzt sehr viel Interesse an einem Musikleistungskurs zu beobachten.

Grundlegende Voraussetzungen

Über das vielfältige Interesse von Kolleglnnen anderer (Gesamt-) schulen an unserer Konzeption, an der wir mittlerweile im sechsten Jahr arbeiten, haben wir uns natürlich gefreut - bis hin zu der Tatsache, daß sich im nächsten Jahr erstmals eine andere Gesamtschule an unserer Konzeption orientieren und entsprechende Fächer im Wahlpflichtbereich 1 anbieten wird. Wir wollen allerdings auch nicht verschweigen, daß für uns einiges nicht immer ganz einfach war, und nach unserer Erfahrung bedarf es einiger grundlegender Voraussetzungen:

Interesse bei den Musiklehrerlnnen

Die Einarbeitung in ein solch neues Konzept erfordert zusätzliches Engagement. Im Laufe der Zeit bekommt man zwar viel Routine, und ein erfolgreiches Schulkonzert bringt auch viel Anerkennung mit sich, aber der Belastungsaspekt ist keinesfalls unerheblich.

Unterstützung durch die Schule und die Schulaufsicht

Die Durchführung des Schulversuches wäre ohne die wohlwollende Unterstützung durch unsere KollegInnen, durch die Schulleitung sowie durch die vielen SchülerInnen, Eltern und vor allem auch durch die Schulaufsicht nicht möglich gewesen.

Ausreichende Raumsituation

Für dieses Konzept ausreichend, aber auch unabdingbar notwendig, erscheint uns eine Raumsituation wie sie im Raumprogramm des Kultusministers für die Schulen der Sekundarstufe 1 bzw. für die gymnasiale Oberstufe (RdErl. v. 19. 5. 1983) für den ganz normalen Musikunterricht vorgesehen ist. Dies bedeutet etwa für eine sechszügige Gesamtschule inklusive Oberstufe: 3 Musikräume sowie entsprechende Nebenräume, die vor allem für das Musizieren von Gruppen, für das Proben von Schulbands, für den Instrumentalunterricht usw. wichtig sind. Einschränkend sei allerdings angemerkt, daß diese Räume beispielsweise nicht ausreichen, sobald eine Schule auf zwei weiter auseinanderliegende Gebäude verteilt wird.

Ausstattung

Notwendig ist eine ausreichende Ausstattung für das praktische Musizieren, bestehend aus Rhythmus-, Orff- und elektronischen Instrumenten. Durch diese Mischung lassen sich vielfältigste Klangvorstellungen realisieren. Und ein Keyboardraum (mit Kopfhörern) entlastet beispielsweise den Freizeitbereich in der Orientierungsstufe sehr. Natürlich ist der Umfang der Ausstattung wiederum von der Raumsituation abhängig: Bei nebeneinanderliegenden Räumen benötigt man viel weniger Material, weil man sich mit den anderen KollegInnen absprechen kann. Und: Durch Schulkonzerte, Spenden, Unterstützung durch den Förderverein usw. läßt sich nach unserer Erfahrung viel bewirken.

Personelle Situation

Da wir, wie viele andere Schulen auch, eigentlich nicht genügend MusiklehrerInnen für einen solchen Schulversuch haben, sind wir sehr froh, daß einige KollegInnen bei uns fachfremd eingestiegen sind. Sehr hilfreich war für uns dabei die Organisation kollegiumsinterner Fortbildungen in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule - eine Vorgehensweise, die nicht verschleiern sollte, daß mehr (Musik-)lehrerlnnen eingestellt werden müßten.

Entlastungsstunden

Zumindest für die Aufbauphase werden ausreichend Entlastungsstunden gebraucht. Die Anzahl hängt wiederum von den Rahmenbedingungen ab: Wieviel Energie muß in das Beschaffen von Spendengeldern investiert werden? Erleichtert oder erschwert die Raumsituation das Arbeiten? Wie ist die Unterstützung im Kollegium bzw. durch die Schulleitung?

Arbeitsmaterialien

Neben den üblichen Schulbüchern, in denen man genügend Material für das projektorientierte Arbeiten findet, benötigt man vor allem schülerlnnegerechte Arrangements, von denen es bisher leider zu wenig gibt. Aufgrund der zahlreichen Nachfragen haben wir begonnen, unsere eigenen Arrangements in einer Reihe „Macht Musik!“ herauszugeben. Die dazugehörigen Kassetten erleichtern das binnendifferenzierte Arbeiten. [... Anmerkung: Diese Materialien sind leider nicht mehr erhältlich, aber zumindest Heft 1 haben wir in “Die Klassenmusiker” eingearbeitet. G.H.]

Unser Anliegen war und ist es, das „Nebenfach“ Musik etwas mehr zu dem zu machen, was es im Bewußtsein der SchülerInnen, meist allerdings beschränkt auf den Freizeitbereich, sowie in anderen Kulturen schon lange ist: Etwas Wesentliches. Bei unserem Vorhaben sind wir auf viel Begeisterung gestoßen, andererseits kostet es uns immer noch viel mühsame Überzeugungsarbeit, Bedingungen zu erhalten, wie sie für vergleichbare Fächer längst schon üblich sind. Immer mehr Eltern wählen für ihre Kinder nicht zuletzt aufgrund des musischen Angebotes eine Waldorfschule. Wir meinen, daß es auch im Regelschulbereich attraktive musische Angebote geben sollte - eine Konzeption, mit der wir bei vielen unseren Eltern auf Begeisterung stoßen!