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Weitere Unterrichtsentwürfe finden Sie auch auf meiner Homepage zum Menschenschattenspiel.
Der folgende Artikel von Gerd Haehnel erschien in der Zeitschrift Praxis des Musikunterrichts im Lugert Verlag (die damals noch “Populäre Musik im Unterricht” hieß; Dezember 1986, Heft 17, S. 23-25)
Freie Texte und Popmusik
[...] Aus dem vom INSTITUT FÜR DIDAKTIK POPULÄRER MUSIK angebotenen vielfältigen Material wählte ich zunächst einen Titel aus, von dem ich meinte, daß er für die Schüler attraktiv ist, und dabei gleichzeitig so
klar und durchschaubar aufgebaut, dass man ohne größere Schwierigkeiten zu der Melodie einen eigenen Text machen kann. So kam ich zu dem recht rhythmischen Stück “SeIf control“ von Laura Branigan, einem
Sommerhit aus dem Jahre 1984 (In: Populäre Musik im Unterricht, Heft 11, November 1984, 5. 15-19).
Im Unterricht haben wir dann zunächst die Originalaufnahme gehört. Ich habe den Schülern von dem Vorhaben, einen eigenen Text zu machen erzählt, und zum Glück waren sie auch mit der Musik halbwegs einverstanden, mehr
kann man ja angesichts der vielfältigen Jugend- und Musikkultur und ihrer Identifikationsfunktion auch kaum erwarten. [...]
Der Text von “Self control“ bot, je nach Interesse der Schüler, die Möglichkeit über das Discoleben zu sprechen. Im Lied geht es wohl um die Problematik einer Flucht in das Disco- und Nachtleben, wenn man
die Langeweile des Alltags nicht mehr ertragen kann, um die Sehnsüchte, die auch die “Nacht“ nur teilweise stillen kann.
Nun ging es ans Singen. Irgendwie taucht ja immer wieder die Meinung auf, dass man mit älteren Schülern nicht mehr singen könne. Meine Erfahrungen sind da ganz anders:
Wenn eine gewisse Hemmschwelle überwunden ist, macht es den meisten sogar Spaß zu singen. Natürlich muß man in einer Klasse 9 oder 10, die keine oder vielleicht sogar negative, durch “Vorsingnotendruck“
erzeugte Vorerfahrungen hat, sehr behutsam vorgehen. [...] Dann haben wir uns darauf geeinigt, daß keiner singen muß, und nun wurde es ausprobiert: Zunächst der Originaltext zur Originalmusik, wobei mich die Schüler
ermunterten, “die Anlage ruhig laut“ zu stellen.
Nach einigen Versuchen kam dann der nächste, wesentlich schwierigere Schritt, nämlich zum Playback, also zur Instrumentalversion zu singen. Hierbei hört man seine eigene Stimme viel deutlicher, vor allem, wenn die
Musik leiser ist. Auch fehlt die Sicherheit, die der Originalgesang vermittelt. Aber auch das - kein Problem!
Schließlich schauten wir uns noch die Struktur des Liedes an. Welche Teile wiederholen sich, an welcher Stelle befindet sich die zentrale Textpassage usw. (vergl. auch a.a.O., S.15)? Wichtig war beim Nachtexten
dieses Schlagers vor allem auch, darauf zu achten, dass die Silbenzahl mit der des Originaltextes übereinstimmt, damit der rhythmische Charakter, von dem das Lied lebt, nicht verloren geht.
Ja, und dann gings los: In Gruppen versuchten sich die Schüler an eigenen Texten. Zur Unterstützung ließ ich, wenn der Wunsch geäußert wurde, die Originalkassette oder auch das Playback ablaufen, zur Erinnerung an
die Melodiefolge und zum Mitsingen und Überprüfen des eigenen Textes. Natürlich war es nicht immer einfach, sich auf ein Thema zu einigen, auch musste entschieden werden, ob der Text deutsch oder englisch sein
sollte, ob mit oder ohne Reim, na ja, wie das halt so üblich ist. Ich hatte übrigens das “Reimlexikon“ von Willi Steputat aus dem Reclam Verlag, Stuttgart 1981 immer in der Tasche. Es hat den Schülern,
die reimen wollten, manchmal geholfen, weiter zu kommen. (Man kann dort unter einer bestimmten Endsilbe nachsehen, etwa -inne, und dann findet man zum Beispiel “Spinne, Minne, Pinne, Finne...“)
Bis auf wenige Ausnahmen hatten nach einiger Zeit die Gruppen ihre Texte fertig. Ich habe einmal versucht, in Form einer Mini-lnhaltsanalyse die Hauptthemen herauszufinden. Da ich nicht alles zitieren möchte, hier
einige Ausschnitte! (Manche Texte sind auch zu “Rain in May“ von Max Werner entstanden, ein Song, den wir nur gesungen und nicht selber gespielt haben. Basis für diese kleine Auswertung sind 27 Texte aus
drei 9. und vier 10. Klassen).
- Enttäuschte Liebe (9mal)
Beispiel: Ich sitz hier, ganz allein, muss denn das wirklich sein? “Ich geh fort“, sagtest du, und die Tür, sie fiel zu!
Du warst ein Teil, du warst ein Teil von mir, ich hatte Angst, dass ich dich mal verlier. Es ist passiert, du bist nun nicht mehr hier, Du warst ein Teil, Du warst ein Teil von mir.
- Schulfrust (5mal)
Beispiel: Feeling good when the weekend has come, the bus is coming and we‘re driving home. I don‘t like the school, but the weekend is funny,
disco nights and a lovely friend.
- Zukunftsangst (Krieg, Umwelt, Arbeitslosigkeit) (4mal)
Beispiel: Ronny and Michael, Fanatiker der Welt, stets Aufrüstung im Kopf, vom Pazifik bis zum Belt, Tag und Nacht am richtigen Knopf.
- Noch ein Beispiel:
- Es ist schön, wenn Du morgens träumst!
Von einer Welt ohne Krieg und Haß, doch die Sonne geht auch heute unter, Dein Traum wird für Dich niemals wahr.
- Suchtprobleme (3mal)
Beispiel: Ein nächster Tag, doch - der kommt bestimmt, immer dasselbe, es ödet mich an. Du säufst dich voll, um zu vergessen. Es kotzt Dich an, es kotzt Dich alles an.
- Parodien (2mal)
Beispiel: Du nimmst mir Cola, nimmst mir alles weg, ich wunder mich, wie ich es ohne schaff‘, doch die Hoffnung hält mich am Abend wach.
Du nimmst mir Cola, nimmst mir alles weg.
- Liebe (2mal)
Beispiel: He takes my heart, he takes my heart and soul. I dream of him because he is so cool, and every morning he‘s too late at school,
he takes my heart, he takes rny heart and soul.
- Außerdem gab es noch einen Text zur Folter in türkischen Gefängnissen, in dem Schüler ihre Filmerlebnisse verarbeiteten und einen Text zu Südafrika:
- Morgens um 4 Polizeirazzia, Bulldozzer, Tränengas, das vorübergehend blind macht.
Menschen werden wie Kriegsgefangene getrieben, ihre Kinder bleiben schreiend zurück.
Auch wenn dieser letzte Text kaum mit der Musik übereinstimmte, sein Inhalt und der Entstehungsprozeß haben mich sehr beeindruckt. Zwei Mädchen hatten sich in den Kopf gesetzt, einen solchen Text zu schreiben, aber
sie kamen nicht weiter, weil ihnen die Informationen fehlten. In der nächsten Woche tauchten sie dann wieder mit einem Stapel Bücher auf, sie hatten wohl intensiv die Stadtbücherei benutzt. Natürlich schellte es
dann wieder viel zu schnell, und so wurde der Text zu Hause vollendet.[...]
Die Texte wurden dann auf Folien geschrieben, an die Wand projiziert und besprochen. Im einstündigen Fachunterricht ist das nicht so einfach, aber wenigstens manchmal gab es Ansatzpunkte zu intensiven Gesprächen.
Dann wurde jeweils ein Text ausgewählt, mit dem wir weiter arbeiteten. Dies kann man in unterschiedlicher Weise machen:
Man kann den Text zum Playback einüben und aufnehmen oder auch bei einem Schulfest vorsingen.
Man kann aber auch das Stück selber spielen und singen. Eine Anleitung für “Self control“ findet sich a.a.O. [...]
Insgesamt möchte ich meine Erfahrungen und Überlegungen so zusammenfassen:
- Besser, als den Schülern nur ein Lied zu geben, wäre es, Ihnen eine Auswahl an Liedern vorzustellen. Wenn man in unterschiedliche Räume gehen kann, kann man auch unterschiedliche Lieder nehmen, beim Abhören der
Originale und Playbacks stört man sich ja dann gegenseitig nicht. Oder, man kriegt sehr viele Walkmans zusammen...
- Manchmal sind auf der Rückseite von Singles die lnstrumentalversionen der A-Seiten drauf. Man könnte also den Schülern vorschlagen, sich ihre eigene Musik zu suchen und dann auszuprobieren, ob man zur
lnstrumentalversion singen kann. Dies würde ein Problem lösen, das wir manchmal hatten: Man könnte sich für den geplanten Text eine passende Musik suchen. Südafrikaunterdrückung paßt halt nur schlecht zum
Disco-Pseudo-Rock.
- Insgesamt: Eine gute Möglichkeit in die Eigenproduktion von Liedern einzusteigen, auch, in den ersten Stufen jedenfalls, für Lehrer, die sich noch nicht zutrauen, mit den Schülern selber zu musizieren, geeignet
ebenso für den einstündigen Fachunterricht, auch unter ungünstigen materiellen Bedingungen, sicher nicht nur für den Musikunterricht, sondern auch für Deutsch, und das alles doch bestimmt auch mit anderen
Altersgruppen.
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